Die 4-Prozent-Regel: Wie viel kannst du sicher entnehmen?
Das Wichtigste in Kürze
- Die 4-Prozent-Regel schätzt, wie viel du deinem Vermögen jährlich entnehmen kannst, ohne dass es dir ausgeht: 4 % im ersten Jahr, danach an die Inflation angepasst.
- Umgekehrt ergibt sie deine Zielsumme: Jahresausgaben × 25.
- Sie stammt aus der US-amerikanischen Trinity-Studie und gilt für einen Zeitraum von rund 30 Jahren.
- In Deutschland solltest du wegen der Abgeltungssteuer vorsichtiger rechnen – mit 3,0–3,5 % oder einem Aufschlag auf die Zielsumme.
Die 4-Prozent-Regel ist die wohl bekannteste Faustformel der finanziellen Freiheit. Sie beantwortet die zentrale Frage: Wie viel Vermögen brauche ich, damit ich davon leben kann? Dieser Artikel erklärt Herkunft, Rechnung und die deutschen Besonderheiten – und ist Teil unseres Leitfadens Finanzielle Freiheit in 7 Stufen.
Was ist die 4-Prozent-Regel?
Die 4-Prozent-Regel besagt, dass du im ersten Jahr 4 % deines investierten Vermögens entnehmen und diesen Euro-Betrag anschließend jährlich an die Inflation anpassen kannst, ohne dass dein Geld über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren aufgebraucht wird.
Wichtig: Die 4 % gelten nur für das erste Jahr. Danach zählt der feste, inflationsbereinigte Betrag – nicht erneut 4 % des aktuellen Depotwerts.
Woher sie kommt: die Trinity-Studie
Die Regel geht auf die Trinity-Studie (1998) dreier Finanzprofessoren zurück. Sie untersuchten historische Aktien-Anleihen-Portfolios und fanden: Bei einer Entnahme von 4 % pro Jahr blieb das Kapital in der überwiegenden Mehrheit der historischen 30-Jahres-Zeiträume erhalten – besonders bei einem Aktienanteil von mindestens 50 %.
Die Rechnung: Jahresausgaben × 25
Aus den 4 % folgt direkt deine Zielsumme:
Zielsumme = jährliche Ausgaben ÷ 0,04 = Jahresausgaben × 25
| Monatliche Ausgaben | Jahresausgaben | Zielsumme (× 25) |
|---|---|---|
| 1.500 € | 18.000 € | 450.000 € |
| 2.000 € | 24.000 € | 600.000 € |
| 2.500 € | 30.000 € | 750.000 € |
Rechne deine persönliche Zahl direkt aus – inklusive Sparrate, Rendite und deutscher Steuer:
Was in Deutschland anders ist
Die Trinity-Studie ist US-amerikanisch und kennt drei deutsche Regeln nicht:
- Abgeltungssteuer: Auf Kapitalerträge fallen 25 % plus Solidaritätszuschlag an, zusammen 26,375 % (dazu ggf. Kirchensteuer). Deine Brutto-Entnahme muss also höher sein, damit netto genug übrig bleibt.
- Teilfreistellung: Bei Aktien-ETFs (mehr als 50 % Aktien) sind 30 % der Erträge steuerfrei (§ 20 InvStG). Auf den Gewinn zahlst du damit effektiv rund 18,5 %.
- Sparer-Pauschbetrag: 1.000 € Kapitalerträge pro Person und Jahr bleiben steuerfrei. Bei einem großen Depot ändert das wenig.
Entscheidend ist ein vierter Punkt: Besteuert wird nur der Gewinnanteil deiner Entnahme, nicht die ganze Summe. Was du eingezahlt hast, bekommst du steuerfrei zurück. Wie viel mehr Kapital du brauchst, hängt also davon ab, wie viel Gewinn in den Anteilen steckt, die du verkaufst.
Ein Beispiel: Du brauchst 30.000 € im Jahr netto und hast einen Aktien-ETF.
| Gewinnanteil der Entnahme | Brutto-Entnahme | Aufschlag auf die Zielsumme |
|---|---|---|
| 50 % | rund 32.800 € | rund 9 % |
| 75 % | rund 34.500 € | rund 15 % |
| 100 % | rund 36.500 € | rund 22 % |
Abgeltungssteuer und Soli, Teilfreistellung 30 %, Sparer-Pauschbetrag 1.000 €, ohne Kirchensteuer.
Innerhalb eines Depots wird nach dem FIFO-Prinzip verkauft: Zuerst gehen die ältesten Anteile raus, und die tragen meist den höchsten Gewinn. Gerade in den ersten Jahren der Entnahme ist der Gewinnanteil deshalb eher hoch.
Faustregel: Plane in Deutschland bei Aktien-ETFs bis zu 22 % mehr Zielsumme ein – oder entnimm konservativer mit 3,0–3,5 %. Der FIRE-Rechner rechnet vorsichtig mit diesem oberen Wert.
4 % oder lieber 3,5 %?
Zwei Risiken sprechen für eine etwas vorsichtigere Rate:
- Sequence-of-Returns-Risiko: Fallen die Kurse in den ersten Ruhestandsjahren stark, kann frühes Entnehmen das Depot dauerhaft schwächen.
- Längere Zeiträume: Wer mit 40 statt 65 aufhört, plant 40+ statt 30 Jahre – hier ist 3,25–3,5 % robuster.
Wer flexibel ist (in schlechten Jahren weniger entnimmt), kann dagegen näher an 4 % bleiben.
Grenzen der Regel
Die 4-Prozent-Regel ist eine Faustformel, keine Garantie. Sie beruht auf historischen Daten, nimmt eine feste Laufzeit an und blendet Steuern, Gebühren und individuelle Ausgabenschwankungen aus. Nutze sie als Startpunkt – nicht als exakte Zusage.
Häufige Fragen
Was besagt die 4-Prozent-Regel?
Du kannst im ersten Ruhestandsjahr 4 % deines investierten Vermögens entnehmen und diesen Betrag danach jährlich an die Inflation anpassen, ohne dass dir das Geld über rund 30 Jahre ausgeht.
Wie berechne ich meine Zahl aus der 4-Prozent-Regel?
Teile deine jährlichen Ausgaben durch 0,04 – das entspricht dem 25-Fachen deiner Jahresausgaben. Bei 25.000 € Ausgaben brauchst du 625.000 €.
Ist die 4-Prozent-Regel in Deutschland zu optimistisch?
Sie stammt aus den USA und berücksichtigt keine deutsche Abgeltungssteuer. Vorsichtiger ist in Deutschland eine etwas niedrigere Entnahme (3,0–3,5 %) oder ein Steuer-Aufschlag auf die Zielsumme: bei Aktien-ETFs dank Teilfreistellung bis zu rund 22 %, je nach Gewinnanteil der Entnahme weniger.
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Quellen
- Cooley, Hubbard, Walz: Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable („Trinity-Studie“, 1998).
- Grant Sabatier: Financial Freedom.
Dieser Artikel dient der Information und stellt keine Anlage- oder Steuerberatung dar. Investitionen in Wertpapiere sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft.
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